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Description: Landschaftszerschneidung in Baden-Württemberg Ergebnisse einer landesweiten räumlich differenzierten quantitativen Zustandsanalyse Von Jochen Jaeger, Heide Esswein, Hans-Georg Schwarz-von Raumer und Manfred Müller ZusammenfassungSummary Zerschneidung und Fragmentierung von Land- schaften gelten als wesentliche Ursachen des Besorgnis erregenden Artenverlustes in Mitte- leuropa. Zudem haben sie Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Landschaftsbild und Erho- lungswert. Obwohl die Bedeutung des Erhalts großer unzerschnittener, verkehrsarmer Räume auch auf politischer Ebene kaum umstritten ist, hat die Landschaftszerschneidung in den letzten 15 Jahren unvermindert zugenommen. Umso mehr besteht die Notwendigkeit, vergleichbare Daten über den Zustand der Landschaftszer- schneidung zur Verfügung zu stellen, insbeson- dere im Vergleich von landschaftsbezogenen Raumkategorien, um dadurch eine Grundlage für planerische und politische Zielfestlegungen und Maßnahmen zu schaffen. Die vorliegende Untersuchung ist eine lan- desweite quantitative Analyse der Zerschnei- dung in Baden-Württemberg mit der Mes- sgröße der „effektiven Maschenweite“ meff. Wie die Resultate zeigen, ist Baden-Württemberg deutlich stärker zerstückelt, als es die Ergeb- nisse früherer, weniger detaillierter Untersu- chungen erwarten ließen. Verglichen werden die Ergebnisse für die beiden Varianten mit bzw. ohne Berücksichtigung der Gemeindever- bindungsstraßen und für die zwei Anwen- dungsweisen des Ausschneideverfahrens und des Mittelpunktverfahrens. Die räumliche Dif- ferenzierung der Analyse erfolgt nach den vier Regierungsbezirken, 44 Landkreisen und 66 Naturräumen. Abschließend erläutert der Bei- trag ein Beispiel für die Bezugnahme auf die unterschiedliche Empfindlichkeit von Land- schaften, welche für die Bewertung des ermit- telten Zerschneidungsgrades von Interesse ist, anhand der Räume mit hoher Biotopdichte.Quantitative Analysis of Landscape Fragmen- tation in Baden-Württemberg 1 Landschaftszerschneidung: ein flächendeckendes Umweltproblem Trassen und Anlagen der Verkehrsinfrastruk- tur wirken ebenso wie Siedlungs- und In- dustriegebiete und andere intensive Flächen- nutzungen auf viele Tier- und Pflanzenarten als „Barrieren“. Die verbleibenden Lebens- räume werden durch die Verdichtung des Verkehrsnetzes und die Ausdehnung der be- bauten Flächen zunehmend verkleinert, zer- teilt und voneinander isoliert. Diese Effekte gelten heute als wesentliche Ursachen des Artenverlustes in Mitteleuropa (ANDRÉN 1994, BAUR & ERHARDT 1995, BLAB 1990, TROMBULAK & FRISSELL 2000). Erholungs- Naturschutz und Landschaftsplanung 33, (10), 2001 The dissection and fragmentation of landscapes is known as a major reason for the alarming loss of species in Central Europe. It also affects the water regime, the scenery, and the recreational quality. In spite of repeated demands for pre- serving large un-dissected low-traffic areas al- so on the political stage, fragmentation has in- creased during the last 15 years as rapidly as be- fore. In order to set objectives and to plan appro- priate measures data on the degree of landsca- pe fragmentation are needed that are suitable for comparing different regions, especially accor- ding to different natural landscape types. The study presents a state-wide quantitative analysis of landscape fragmentation in Baden- Württemberg by means of the fragmentation measure "effective mesh size", meff. The re- sults show that Baden-Württemberg is much more dissected and fragmented than indicated by former, less detailed investigations. The stu- dy compared results of two variants, with and without municipal roads, and two different ana- lysis methods (clip procedure and central-point procedure). The spatial differentiation corresponds with the four administrative districts of Baden-Würt- temberg, the 44 rural districts, and the 66 natu- ral landscape units. Eventually, an example is given how to con- sider the sensitivity of a landscape to fragmen- tation (which is relevant for the normative in- terpretation of the degree of fragmentation mea- sured) by examining the regions of high bioto- pe density. gebiete werden zunehmend verlärmt, und die Bewegungsfreiheit von Erholungssuchen- den wird eingeschränkt. Die Folgen der Landschaftszerschneidung betreffen insge- samt sieben Problemfelder: Bodengefüge und Bodenbedeckung, Kleinklima, Immis- sionen, Wasserhaushalt, Flora und Fauna, Landschaftsbild und Erholungsqualität, Im- plikationen für die Landnutzung (JAEGER 1999: 85, KAULE 1998). Die zunehmende Landschaftszerschnei- dung wurde in Deutschland seit den siebzi- ger Jahren in die wissenschaftliche und um- weltpolitische Diskussion eingebracht (z.B. Institut für Naturschutz und Tierökologie der BFANL 1977, LASSEN 1979), und alsbald wurde der flächendeckende Charakter dieses Umweltproblems erkannt. In der Boden- schutzkonzeption von 1985 hat die deutsche Bundesregierung schließlich eine „Trend- wende im Landverbrauch“ zu ihrem Ziel er- klärt. Die dafür vorgesehenen Maßnahmen umfassen die „Reduzierung des Verkehrsflä- chenbedarfs im städtischen Umland durch Trendumkehr bei der Zerschneidung und Zersiedlung der Landschaft“ und die Bewah- rung von „Landschaften mit naturnahen Bodennutzungen vor weiteren Zerschnei- dungen durch Verkehrswege und Leitungs- systeme sowie vor Bebauung“ (Bundes- minister des Innern 1985: 96, 108). Trotz mehrerer weiterer Anläufe, den Anstieg der Landschaftszerschneidung auf- zuhalten (z.B. LANA 1995), haben Land- schaftsverbrauch und Landschaftszerschnei- dung unvermindert weiter zugenommen (BfN 1999, JAEGER 1999). Die Enquête- Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ konstatiert 1998, dass in Deutsch- land eine „schon ansatzweise erkennbare Zersiedelung mit erheblichen Qualitätsver- lusten für Freizeit, Naturschutz und ggf. auch das Wohnen“ droht. Die Flächeninan- spruchnahme müsse „als ein strukturelles gesellschaftliches Problem angesehen wer- den“ (Deutscher Bundestag 1998: 264). Dennoch ist dieses Problem auf der politi- schen Tagesordnung nur selten mit hoher Priorität behandelt worden. In den sehr dicht besiedelten Niederlanden mit 445 Einwoh- nern pro km2 (gegenüber 230 E/km2 in Deutschland) hingegen diskutieren und bear- beiten Wissenschaft und Politik die Folge- probleme der Dichte des Verkehrsnetzes und mögliche Gegenmaßnahmen seit längerem mit deutlich mehr Nachdruck, vgl. z.B. die zahlreichen Beiträge niederländischer Auto- ren in SCHREIBER (1988) sowie CANTERS (1997), KRÜGER (2000), UDO DE HAES & CANTERS (1988), VAN BOHEMEN et al. (1994) und VAN DER GRIFT (1999). 2 Ziele der Untersuchung Der steigende Problemdruck weist auf einen dringenden Bedarf nach überprüfbaren Ziel- vorgaben und wirksameren Maßnahmen als die bisherigen Absichtserklärungen und pro- grammatischen Forderungen hin. Als Grund- lage für planerische Zielfestlegungen wer- 1 den geeignete, vergleichbare Daten über den aktuellen Zustand der Landschaftszerschnei- dung benötigt, möglichst im historischen Vergleich und im Vergleich von landschafts- bezogenen Raumkategorien. Solche Daten sind zugleich als Nachhaltigkeitsindikatoren gut geeignet, da sie als sogenannte proxy me- asures (im Sinn von relativ hoch aggregier- ten Messgrößen für die Abschätzung von Umweltbelastungen) eine Reihe verschiede- ner Belastungsfaktoren zusammenfassen und die grobe Entwicklungsrichtung der Umweltbelastung erkennbar machen (BERG & SCHERINGER 1994). Der Zerschneidungs- grad besitzt eine Indikatorfunktion für die Gefährdung der Biodiversität durch die Le- bensraumzerstückelung. Der Bedarf nach solchen Größen wird in der internationalen Literatur zur Landschaftsökologie und zur Abschätzung und Bewertung von Umweltri- siken betont (z.B. GEOGHEGAN et al. 1997, TURNER & GARDNER 1991). Der Zerschnei- dungsgrad hat wegen der Vielzahl der umweltbelastenden Folgen und ihres kumu- lativen Charakters eine starke normative Relevanz als ein Bewertungskriterium (vgl. hierzu ausführlich JAEGER 1999). Zur Quan- tifizierung des Zerschneidungsgrades wurde die neue Messgröße „effektive Maschenwei- te“ entwickelt (JAEGER 1999, 2000; MÜLLER et al. 1998; vgl. Abschnitt 3). Quantitative Untersuchungen zum Zu- stand und zur Entwicklung der Landschafts- zerschneidung gibt es in Deutschland bisher nur in geringer Zahl (siehe die Übersichten in GRAU 1998, in Vorb.). Die Studie des Bun- desamtes für Naturschutz (1999) belegt einen Rückgang der unzerschnittenen ver- kehrsarmen Räume in den alten Bundeslän- dern von 349 (= 22,7 % der Landesfläche) im Jahr 1977 auf 296 (= 18,6 %) im Jahr 1987 und auf nur noch 225 (= 14,2 %) heute. (Zwar wurden 1999 teilweise andere Ab- grenzungskriterien verwendet, die Unter- schiede fallen jedoch gegenüber der Tren- dentwicklung kaum ins Gewicht.) Weitere bundesweite Untersuchungen zu unzerschnittenen Räumen wurden von DOSCH et al. (1995: 15), vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2000: 156) sowie von SCHUMACHER & WALZ (2000) vor- gelegt. Darüber hinaus bereitet derzeit das Statistische Bundesamt eine Erhebung vor. Ältere (auf Westdeutschland bezogene) Stu- dien haben FRITZ (1984) und HEISS (1992) durchgeführt. Diese Untersuchungen be- schränken sich jedoch auf Waldflächen. Die ersten quantitativen Untersuchungen für Baden-Württemberg legten EICHHORST & GERMAN (1974) für den Regierungsbezirk Tübingen, REICHELT (1979) für den Schwarzwald-Baar-Kreis und SCHREIBER et al. (o.J.) für die Region Mittlerer Neckar vor. Landesweite Darstellungen gibt es für Ba- den-Württemberg bisher lediglich als inter- ne Bestandsaufnahmen bei der Landesan- stalt für Umweltschutz in Karlsruhe sowie in Form einer Übersichtskarte im Kartenatlas (unveröffentlicht) in den Materialien zum Landschaftsrahmenprogramm (IER/ILPÖ 1999; Dokumentationen dazu in STAUCH 2000, STAUCH & KAULE 1999). Sie beinhal- ten jedoch keine quantitativen Analysen der 2 Zerschneidung, sondern fassen die vorlie- genden Datengrundlagen zusammen. Die Untersuchungen des BfN weisen einen ak- tuellen Bestand von lediglich noch 28 unzer- schnittenen Räumen (10,7 % der Landesflä- che) in Baden-Württemberg aus (vgl. auch Karte 1), d.h. dass nahezu 90 % des Landes bereits in kleinere Räume (< 100 km2) zer- stückelt worden sind. Die aktuelle Situation in den übrigen Bundesländern wird die Re- cherche von GRAU (in Vorb.) charakterisie- ren. Keine der bisherigen bundesweiten Un- tersuchungen berücksichtigt Gemeindever- bindungsstraßen. Der vorliegende Beitrag zielt auf eine Übersicht und auf den Vergleich des Zer- schneidungsgrades in den verschiedenen Naturräumen einerseits und den politisch ab- gegrenzten Gebieten andererseits: 1. Welche Räume sind am stärksten, wel- che am geringsten zerschnitten? 2. Wie groß ist die Spannweite des erfass- ten Zerschneidungsgrades? 3. Welche „Rangfolge“ der Räume ergibt sich? An welcher Stelle positionieren sich ausgewählte Naturräume wie z.B. Kaiser- stuhl, Baar oder Kraichgau im Vergleich zu den übrigen Naturräumen? 4. Wie stark ändern sich die Ergebnisse, wenn die Gemeindeverbindungsstraßen aus- geklammert bzw. einbezogen werden? 5. Welchen Einfluss hat die Wahl der Grenzen des betrachteten Gebietes auf den ermittelten Zerschneidungsgrad? 3 Methode 3.1 Das Zerschneidungsmaß „effektive Maschenweite“ (meff) Darüber, was der Begriff „Landschaftszer- schneidung“ beschreiben soll, besteht der- zeit kein einheitliches Verständnis in der Fachwelt, wie die Ergebnisse einer Befra- gung gezeigt haben (JAEGER 1999: 281f). Wir stützen uns daher auf eine relativ weite, funktional orientierte Definition: Landschaftszerschneidung bezeichnet ein Zerreißen von gewachsenen ökologi- schen Zusammenhängen zwischen räum- lich getrennten Bereichen der Landschaft (vgl. HABER 1993: 62). In struktureller Hinsicht kann Landschaftszerschneidung als vom Menschen geschaffene, vorwie- gend linienhafte Strukturen oder Mate- rieströme, mit denen Barriere-, Emissi- ons- oder Kollisionswirkungen oder ästhetische Beeinträchtigungen verbun- den sind, beschrieben werden (vgl. GRAU 1997, SCHUMACHER & WALZ 2000: 135). Allgemeiner kann auch von „Landschafts- fragmentierung“ gesprochen werden. Als Hindernisse bei der Ausbreitung bzw. Wan- derung von Tieren in einer Landschaft können zudem Fließ- und Stehgewässer (vor allem wenn die Ufer steilkantig befestig sind) und hohe Felskanten wirken, sie lassen sich als „geogene Zerschneidung“ zusammenfassen. Zur Quantifizierung der Landschaftszer- schneidung gibt es in der Fachliteratur eine Reihe von Vorschlägen. Die meisten weisen jedoch Mängel auf oder sind nur unter engen Einschränkungen gültig, oftmals bedingt durch eine unzureichende Unterscheidung von „Zerschneidung“ und „Heterogenität“ (für Methodenübersicht und -vergleich siehe JAEGER 1999: 117-189). Schwächen der Er- fassung des Zerschneidungsgrades über die Zahl unzerschnittener Räume > 50 oder 100 km2, nUR, (BfN 1999) sind beispielswei- se folgende: ✑Eine Zerteilung eines 300 km2 großen Raumes in zwei Gebiete von je 150 km2 führt zur Erhöhung von nUR und scheint somit fälschlicherweise eine Verbesserung der Si- tuation anzuzeigen. ✑Die Verkleinerung einer Fläche von z.B. 150 auf 110 km2 wird nicht registriert. ✑Veränderungen bei Flächen, die <100 km2 (bzw. 50 km2) sind, werden nicht berücksich- tigt. Die Verkehrsliniendichte hingegen, das zweithäufigste Maß für die Landschaftszer- schneidung, enthält keine Informationen über die Verteilung der Verkehrsstrecken in der Landschaft und sagt somit wenig über die Größe der verbleibenden Flächen aus, die in Abhängigkeit von der Anordnung sehr unterschiedlich sein kann. Die hier gewählte Methode stützt sich auf die Ermittlung der effektiven Maschenwei- te (s. Kasten; JAEGER 1999, 2000). Sie hat mehrere Vorteile gegenüber bisherigen Ver- fahren: ✑Sie aggregiert die Informationen über die Landschaftszerschneidung zu einem einzi- gen, leicht erfassbaren Wert. ✑Sämtliche Flächen, die im „Netz“ der In- frastrukturtrassen und Siedlungsgebiete, welches die Landschaft durchzieht, verblei- ben, werden beachtet und entsprechend ihrer Größe berücksichtigt. Die Messgröße meff ist ein möglichst allgemeines Maß und steht da- her in Bezug zu allen sieben in Abschnitt 1 genannten Problemfeldern. ✑Das neue Verfahren vermittelt eine rasche, vergleichende Einschätzung von verschiede- nen Landschaftsräumen unterschiedlicher Größe anhand eines quantitativen Maßes und ermöglicht eine einfache Ermittlung und Darstellung der Trendentwicklung durch die Angabe einer Zeitreihe für das untersuchte Gebiet (Monitoring-Funktion). ✑Die Methode ist durch die Überprüfung anhand von Eignungskriterien (im systema- tischen Vergleich mit anderen quantitativen Maßen) wissenschaftlich begründet. ✑Auf einfache Weise ist eine Erweiterung möglich, so dass auch die Nachbarschaftsbe- ziehungen der Flächen mit einbezogen wer- den (über die „Barrierestärke“ β mit 0 ≤ β ≤ 1; JAEGER 1999, 2001a). Die effektive Maschenweite eignet sich dafür, die Zerschneidung von Gebieten un- terschiedlicher Gesamtgröße sowie mit dif- ferierenden Anteilen an Siedlungs- und Ver- kehrsfläche zu vergleichen. Mittelfristig bie- tet die Methode die Möglichkeit zur Festle- gung von Grenz-, Richt- oder Zielwerten auf der Basis der ermittelten Ergebnisse (JAEGER 2001b). Naturschutz und Landschaftsplanung 33, (10), 2001 Definition der effektiven Maschen- weite meff Die Definition von meff erfolgt über den Kohärenzgrad C: ✑Der Kohärenzgrad C gibt die Wahr- scheinlichkeit dafür an, dass sich zwei Tie- re, welche vor der Zerschneidung ungehin- dert und unabhängig voneinander über die gesamte Fläche laufen konnten, in der sel- ben (Teil-)Fläche befinden, wenn zu einem zufälligen Zeitpunkt ein Netz von zer- schneidenden Linien über das Gebiet ge- legt wird. ✑Die effektive Maschengröße meff ist de- finiert als die Größe der Flächen, die man erhält, wenn das Gebiet in lauter gleich große Flächen zerteilt würde, so dass sich die selbe Wahrscheinlichkeit C dafür er- gibt, dass zwei zufällig ausgewählte Orte in der selben Fläche liegen, wie für die zu un- tersuchende Zerschneidungssituation (mit unterschiedlich großen Flächen). Für den Fall, dass die Tiere die Barrieren nicht überqueren können, führt eine kurze Rechnung (siehe JAEGER 2001a) auf die einfachen Formeln und mit n = Zahl der verbleibenden Flächen, Fi = Flächeninhalt von Fläche i, Fg = Ge- samtfläche der untersuchten Region, wel- che in n Flächen oder „Patches“ zerteilt wurde. Die Wahl dieser Definition ist durch mehrere Punkte begründet: 1. Einfachheit: Das (in Gedanken vollzo- gene) Aussetzen von zwei Individuen ist eine möglichst einfache Modellvorstel- lung, um die Zerschneidungssituation durch eine Wahrscheinlichkeit zu kenn- zeichnen; weitere Individuen sind dafür nicht unbedingt nötig, ein Individuum allein reicht nicht aus. 2. Anschauliche Interpretation als Überle- bensbedingung: meff ist interpretierbar als ein Faktor, der die Überlebensfähig- keit von Tieren beeinflussen kann, denn die Begegnungsmöglichkeit von Tieren ist Voraussetzung für ihre Fortpflanzung (und damit für das Überleben einer Art) Der Grundgedanke zur Beschreibung der Zerschneidung, welcher der effektiven Maschenweite zugrunde liegt, lautet: Das neue Zerschneidungsmaß ist ein Ausdruck für die Möglichkeit, dass sich zwei Tiere, die zufällig (und unabhängig voneinander) im betrachteten Gebiet ausgesetzt werden, be- gegnen können. Je mehr Barrieren in die Landschaft eingefügt werden, umso ge- ringer wird die Begegnungswahrscheinlich- keit. Als Hindernisse für die Wanderung von Tieren bzw. für Erholungssuchende oder als Emissionsquellen haben wir Straßen, Bahnlinien, Siedlungs- und Industrieflä- Naturschutz und Landschaftsplanung 33, (10), 2001 sowie für den Genaustausch in einer Me- tapopulation. 3. Mathematische Eigenschaften: meff hat sehr vorteilhafte mathematische Eigen- schaften; z.B. ist meff relativ unempfind- lich gegenüber dem Einbezug oder Weg- lassen kleiner und kleinster Restflächen und ist aufgrund seiner mathematischen Eigenschaften auch für den Vergleich unterschiedlich großer Gebiete geeignet (vgl. ausführlich JAEGER 1999, 2000). 4. Berücksichtigung der Struktur des Ver- kehrs- und Siedlungsnetzes: Im Gegensatz zur Verkehrsliniendichte bringt meff Ver- änderungen in der räumlichenAnordnung der Verkehrsstrecken zumAusdruck (z.B. eine Bündelung von Verkehrslinien). Der Maximalwert der effektiven Ma- schenweite wird erreicht für ein vollkom- men unzerschnittenes Gebiet; der Wert von meff ist dann gleich der Größe des Gebietes. Wird ein Gebiet in n gleich große Teile zer- trennt, so ist der Wert von meff gleich der Größe dieser Teilräume. (meff ist allerdings im Allgemeinen nicht gleich der Durch- schnittsgröße der verbleibenden Flächen.) Der minimale Wert von meff ist 0 km2; er- reicht wird er, wenn ein Gebiet vollständig von Verkehrs- und Siedlungsfläche über- deckt wird. Der systematische Vergleich dieser Zer- schneidungsmaße (Kohärenzgrad C und effektive Maschenweite meff) mit sechs an- deren Maßen aus der Literatur (u.a. Anzahl der verbleibenden Flächen n, Durch- schnittsgröße der Flächen F, landscape dissection index LDI nach BOWEN & BUR- GESS 1981, relativer Zerschneidungsindex des Statistischen Bundesamtes PIrel nach DEGGAU et al. 1992) anhand von neun Eig- nungskriterien zeigt, dass meff uneinge- schränkt als Zerschneidungsmaß interpre- tierbar ist, während die übrigen sechs Größen in ihrer Eignung beschränkt sind (JAEGER 2000). Das weit verbreitete Analyseprogramm FRAGSTATS, Version 3.0, unterstützt das Zerschneidungsmaß der „effektiven Ma- schenweite“ (vgl. http://www.unmass.edu/ landeco/research/fragstats/documents/frag stats_documents.html), unter „FRAG- STATS Metrics“, „Subdivision Metrics“, S. 72-78). Damit kann meff für digitalisier- te Kartenausschnitte berechnet werden. chen (Ortslagen) sowie die geogene Zer- schneidung durch Flüsse (ab 6 m Breite) und Seen berücksichtigt. Man kann dafür argu- mentieren, die Gewässer nicht als Barrieren mit zu berücksichtigen, sondern ausschließ- lich die anthropogene Zerschneidung zu be- rechnen. Auch dann sollten jedoch als Was- serstraßen genutzte Fließgewässer sowie Fließgewässer mit Uferbefestigungen, wel- che für Tiere, die das Gewässer schwim- mend überqueren könnten, schwer über- windbar sind, mit einbezogen werden. Da sehr viele Gewässer, die breiter als 6 m sind, befahren oder/und steilkantig befestigt sind, ergibt das Ausklammern der natürlichen und naturnahen Fließgewässer somit nur eine geringe Abweichung gegenüber den hier berechneten Werten. Auch der Einbezug von landwirtschaftlich intensiv genutzten Flä- chen sowie von land- und forstwirtschaftli- chen Straßen und Wegen wäre möglich und sinnvoll, übersteigt jedoch den Rahmen die- ser Studie. Wir haben in dieser Untersuchung keine Störkorridore um die Straßen gelegt, da es uns hier zunächst um eine landesweite Über- sicht zum „Zerteilungseffekt“ ohne den Ein- fluss der Reichweite der von den „Barrieren“ ausgehenden Störungen geht. Störkorridore einzubeziehen wäre eine sinnvolle Aufgabe für nachfolgende Untersuchungen und kann mit dem hier eingesetzten Maß meff unmittel- bar durchgeführt werden (z.B. zur Analyse, wie rasch meff mit steigender Störungsreich- weite absinkt). 3.2 Datengrundlage, -aufbereitung und -verarbeitung Als Grundlage der digitalen Bearbeitung wurden neben den Vermessungsdaten Geo- daten aus dem „Räumlichen Informations- und Planungssystem“ (RIPS) verwendet (MÜLLER 2000). Die ATKIS-Daten des Digi- talen Landschaftsmodells (DLM-25/1) für den Erfassungszeitraum 1991 bis 1998 wur- den aus der Einheitlichen-Datenbank- Schnittstelle (EDBS) in Shape-files umge- setzt. Die Abbildung der realen Topographie in das ATKIS-Datenmodell mit Maßstab 1 : 10 000 bedingt eine Vereinfachung der Objektstrukturen (z.B. bei mehrspurigen Straßen) und eine Generalisierung der Geo- metrie. Da verdeckte Elemente (z.B. Gewäs- serstrecken unter Brücken) in ATKIS nicht abgebildet werden, wurden Lücken (bis zu 10 m) in linienhaften Objekten geschlossen. Aus diesem Datenbestand wurde ein Flä- chenmosaik generiert, welches die Landes- fläche von Baden-Württemberg überdeckt und als polygonbildende Grenzlinien die Ränder der Ortslagen und Stillgewässer, die Fließgewässer (> 6 m), Schienenwege und Straßen (Bundesautobahnen, Bundes-, Lan- des- Kreis- und, für eine gesonderte Analy- se, auch die Gemeindestraßen) zusammen- führt (teilweise bildet zusätzlich die Landes- grenze technisch bedingt eine „künstliche Barriere“). Diese Verschneidungsaufgabe wurde mit ArcInfo durchgeführt und resul- tierte in einem topologisch einwandfreien Polygon-Coverage. Stichstraßen, d.h. solche Straßen, die über nur einen Knoten in das Straßennetz einge- bunden sind, vernachlässigen wir, da eine handhabbare Definition, wann eine solche Straße einen Zerschneidungseffekt bewirkt, schwer festzulegen ist und ihre Verkehrsbe- lastung gering ist. Außerdem gehen wir da- von aus, dass mögliche Unterschiede zwi- schen dem ATKIS-Datenbestand und der tat- sächlichen Landschaft für die Ergebnisse ebenfalls vernachlässigbar sind. Die Polygone sind so attributiert, dass ihre Unterscheidung hinsichtlich der Zugehörig- keit zu den Ortslagen (bzw. zu den Stillge- wässern) möglich ist. Der Teil des Flächen- mosaiks, welcher nicht zu den Ortslagen oder Seen gerechnet wird, liefert die gesuch- 3

Types:

Origin: /Land/Baden-Württemberg/LUBW

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Region: Baden-Württemberg

Bounding boxes: 7.511871829775875° .. 10.49574877933999° x 47.53236022056467° .. 49.79147764980276°

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Language: Deutsch

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