API src

LSA VERM

Description: 39 Dr. Felix Rösch GIS als Werkzeug archäologischer Grabungsdokumentation – zwei Fallbeispiele aus Sachsen-Anhalt LSA VERM 1/2019 GIS als Werkzeug archäologischer Grabungsdokumentation – zwei Fallbeispiele aus Sachsen-Anhalt Von Dr. Felix Rösch, Göttingen Zusammenfassung In den 1990ern in die deutsche Archäologie eingeführt, sind GIS heute aus dem Fach nicht mehr wegzudenken. Sie finden dabei vor allem in der Forschung Anwendung, während sie bei der Grabungsdokumentation nur selten eingesetzt werden.Anhand von zwei aktuellen Ausgrabungen aus Sachsen-Anhalt wird das Potenzial von GIS für die archäologische Feldforschung aufgezeigt. 1 Einleitung Archäologie ist seit jeher eine Wissenschaft, deren Untersuchungsgegenstand, neben der dem Namen inhärenten zeitlichen Dimension, einen starken Raumbezug auf- weist. Kaum eine Auswertung kommt ohne räumliche Parameter aus: sei es, dass eine Region den Rahmen der Untersuchung liefert oder ein Fundtyp in seiner Ver- breitung analysiert wird. Auch das für prähistorische Zeitstellungen charakteristi- sche Konzept der „Archäologischen Kultur“ beruht im Wesentlichen auf der räum- lichen Ausdehnung von vergleichbarer Materialität. Entsprechend verwundert es kaum, dass die Anwendung von GIS mittlerweile zum Standardrepertoire vieler Archäologinnen und Archäologen zählt. Die Einsatzgebiete sind dabei in erster Linie bei der Auswertung von Grabungen, der Beantwortung von raumbezogenen Forschungsfragen sowie im Aufgabenbereich der Bodendenk- malpflege und weniger bei der Ausgrabungstätigkeit selber zu finden. Dass der Ein- satz von GIS auch für die Dokumentation archäologischer Quellen im Feld eine ge- winnbringende Methode sein kann, soll im Folgenden anhand zweier aktueller Ausgrabungen des Seminars für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit am Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg demonstriert werden. Zum einen handelt es sich da- bei um die Untersuchungen in der mittelalterlichen Wüstung Dorf Anhalt, die zur im Unterharz gelegenen Burg Anhalt zählt, zum anderen um die Ausgrabungen in den Außenanlagen eines der zur UNESCO-Welterbestätte Bauhaus gehörenden Lau- benganghäuser in Dessau-Törten. Neben dem konkreten Vorgehen bei verschiede- nen Anwendungssituationen werden auch die Vor- und Nachteile dieser Vorgehens- weise zur Sprache kommen. Zunächst soll jedoch ein kurzer Überblick über die häufigsten Anwendungsgebiete von GIS in der Archäologie gegeben werden. 2 Ausgrabungen im Dorf Anhalt und an einem Bauhaus Laubenganghaus GIS in der Archäologie:Anwendungsgebiete Während GIS international bereits seit den 1970ern eine Rolle in der Archäologie GIS hält seit 1990ern spielte, dauert es in Deutschland bis in die 1990er Jahre, dass erstmals umfangrei- Einzug in die chere Anwendungen stattfanden [Posluschny 2006, S. 289]. So wurden GIS zum Ma- deutsche Archäologie. nagement von Bodendenkmälern an einzelnen Landesämtern eingeführt [vgl. Zeeb 1999] und kamen bei besiedlungsgeschichtlichen Untersuchungen zur Anwendung [bspw. Saile 1998]. Im Zuge der 2000er stieg die Software dann in den Rang einer LSA VERM 1/2019 Dr. Felix Rösch GIS als Werkzeug archäologischer Grabungsdokumentation – zwei Fallbeispiele aus Sachsen-Anhalt 40 Standardmethode auf und ist heute aus vielen Bereichen des Faches kaum noch wegzudenken: kaum eine Flächengrabung wird heute noch ohne den Einsatz von GIS ausgewertet. Verbreitungskarten Die wohl häufigste Anwendung finden GIS bei der Erstellung sogenannter Verbrei- als archäologische tungskarten, eine Methode, die als genuin archäologisch gilt und seit Beginn des Methode letzten Jahrhunderts praktiziert wird. Wurde die Verbreitung von Fundtypen oder spezifischer Bauten wie Grabanlagen zunächst mit historischen Entitäten verknüpft, die bis in die Legitimierung der NS-Ostpolitik gipfelte, wurde nach Ende des 2. Weltkriegs unverfänglicher von Kulturen gesprochen [vgl. Posluschny 2006, S. 291]. Auch heute noch sind Verbreitungskarten ein wesentliches Mittel zur Interpretation archäologischen Materials – eine umfangreiche Quellenkritik vorausgesetzt. GIS er- möglichen dabei eine große Bandbreite an Darstellungsmöglichkeiten für die Vertei- lung unterschiedlichster Kategorien von Funden oder Siedlungen im Raum. Über Punktshapes lassen sich die Kategorien durch eine nahezu unbegrenzte Farb- und Symbolauswahl darstellen, die sich über quantifizierbare Attributwerte darüber hin- aus auch dimensionieren lassen. Funktionen wie Diagramme und Heatmapping bzw. Kern-Dichte Berechnungen können den Interpretationsspielraum zusätzlich erwei- tern. Entsprechend gelingt durch GIS die Überführung dieser klassischen Methode ins digitale Zeitalter. Wegeberechnung und Ebenfalls einiger Beliebtheit erfreute sich im Fach die Kartierung von Handelswegen Interaktions- und Kommunikationsverbindungen zwischen einzelnen Siedlungsplätzen.Wurde da- verbindungen für meist eine einfache Linie zwischen zwei Orten gezeichnet, die keine oder nur begrenzt Rücksicht auf naturräumliche Gegebenheiten nahmen [zusf.Wehner 2019, S. 28-29; Abb. 7], liefern Least-Cost-Path Berechnungen auf Grundlage von DGM deutlich stichhaltigere Aussagemöglichkeiten [Wheatley and Gillings 2002, Sn. 157–159]. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn weitere Parameter der Siedlungsland- schaft hinzugezogen oder ein Abgleich mit Quellen wie bspw. historischen Nennun- gen von Flussüberquerungen oder Hohlwegen erfolgt.Abstrahierter geht es bei der Modellierung von Austausch- und Kommunikationsverbindungen auf Grundlage netzwerktheoretischer Überlegungen zu, wie sie jüngst von [Wehner 2019] anhand von Münzschatzfunden des 11. Jahrhunderts für Ostmitteleuropa berechnet wurden und die es u. a. ermöglichten, bislang unbekannte Zentralorte zu identifizieren. Gänzlich der Vorhersage von unbekannten Fundplätzen hat sich die sogenannte Ar- Archäoprognose chäoprognose bzw. das predictive-modelling verschrieben. Diese Methode greift verschiedene Parameter – darunter fallen insbesondere naturräumliche Standort- faktoren – bereits bekannter Fundstellen einer Zeitstellung ab, um daraus Raster zu kreieren, die die wahrscheinlichsten Standorte möglicher Siedlungen kennzeichnen. Ein Verfahren, das nicht nur der Forschung bei der Abschätzung des Umfanges prä- historischer Gesellschaften dienlich ist [bspw. Mennenga 2016], sondern vor allem der praktischen Bodendenkmalpflege konkrete Zahlen an die Hand gibt, mit wel- chem Umfang und welcher Art von Fundplätzen etwa bei der Durchführung von Großbauprojekten wie dem Trassenbau gerechnet werden kann [bspw. Zeeb 1999; Münch 2006]. Bereits früh hat sich die Archäologie an Sichtfeldanalysen versucht, um die Sichtbar- Viewsheds und keit von insbesondere militärischen Bauten zu überprüfen. Mit Sichtfeld- bzw.View- Soundscapes shedanalysen lassen sich diese Untersuchungen unter Einbeziehung unterschiedlichs- ter Parameter präzisieren und entsprechend visualisieren [zusf. Posluschny 2008]. Studien liegen beispielsweise zu den Wachtürmen des römischen Limes vor [Pos- 41 Dr. Felix Rösch GIS als Werkzeug archäologischer Grabungsdokumentation – zwei Fallbeispiele aus Sachsen-Anhalt LSA VERM 1/2019 luschny 2006, Sn. 293–296] oder einem Signalfeuersystem zur Benachrichtigung der Wikingerstadt Haithabu vor herannahenden feindlichen Flotten [Lemm 2016]. In jüngster Zeit gab es darüber hinaus auch erste Versuche, historische Geräuschquel- len mit GIS abzubilden. So hat [Luick 2016] verschiedene Modelle zur Reichweite der Glocke der untergegangenen St. Catharinenkirche an der Eckernförder Bucht berechnet, um herauszufinden, welche Ortschaften zum ehemaligen Kirchspiel ge- zählt haben könnten. Einen starken Bedeutungsschub haben GIS für die Archäologie darüber hinaus durch das Airborne Laserscanning gewonnen (vgl.Abb. 2). Die daraus resultierenden DGM DGM führten dazu, dass sich die bekannten Fundstellen insbesondere unter Waldgebieten vervielfacht haben, wie [Swieder 2014] am Beispiel des Unterharzes nachweisen konnte. Als eines der wichtigsten Anwendungsfelder muss die Aufarbeitung von Ausgrabun- gen gelten. Das gilt sowohl für jüngere Untersuchungen, deren Befunde bereits digi- Auswertung von tal im Feld mittels TachyCAD erfasst und zur Auswertung ins GIS transferiert wer- Grabungen den, als auch für analog dokumentierte Altgrabungen [Rösch 2016]. GIS sind hier vor allem beim Verständnis komplexer archäologischer Situationen hilfreich, da nur so die mitunter riesigen Datenmengen dahingehend aufbereitet und dargestellt werden können, dass sie zur Gänze interpretier- und visuell vermittelbar sind (Abb. 1). Bewährt hat sich dabei die Verknüpfung mit Datenbanken oder die dreidi- mensionale Betrachtung mit der ArcGIS Applikation ArcScene (oder ArcGIS Pro). Steht die Aufarbeitung einer Altgrabung an, gilt es zunächst die von Hand gezeich- nete Dokumentation von Plana und Profilen einzuscannen, um dann die einzelnen Befunde wie Gruben, Holzkonstruktionen und Erdschichten als Polygone zu digitali- sieren, wobei die Attributtabellen mit den entsprechend auf der Zeichnung oder externen Beschreibungen enthaltenen Informationen gefüttert werden. Ziehen sich die gleichen Befunde wie Pfosten durch mehrere Plana, gelingt es mit GIS, diese zu- sammenzuführen. Für die Publikation ermöglicht das GIS dann letztlich die Erstel- lung von Plänen und Befundkatalogen und kann sogar als Grundlage für die 3D-Vi- sualisierung historischer Lebensbilder dienen [Rösch 2018, Sn. 45-69;Abb. 93]. Abb. 1: Schleswig. Grabung Plessenstraße 83/3. Mittelalterliches Hafenviertel. Digitalisierte, in ArcScene aufgerichtete Grabungsprofile und extruierte Holzbefunde (Graphik: F. Rösch). Auch wenn noch lange nicht alle Anwendungsgebiete angeführt worden sind – nicht explizit genannt wurden bspw. site-catchment-Analysen [Wheatley and Gillings 2002, Sn. 159–162] – sind doch die wesentlichsten Felder zur Sprache gekommen. Deutlich geworden sein sollte, dass GIS dem Archäologen eine große Bandbreite an

Types:

Origin: /Land/Sachsen-Anhalt/LVERMGEO

Tags: Göttingen ? München ? Sachsen-Anhalt ? Verbreitungskarte ? Kartierung ? Bucht ? Software ? Waldfläche ? Standardmethode ? Studie ? Modellierung ? Europa ? Datenbank ? Tal ?

License: all-rights-reserved

Language: Deutsch

Issued: 2019-06-03

Modified: 2019-06-03

Time ranges: 2019-06-03 - 2019-06-03

Status

Quality score

Accessed 1 times.