Description: 4.2.2.31 Säugetiere außer Fledermäuse (Mammalia excl. Chiroptera) (FFH Anh. II, IV, V) – B. LEHMANN Einleitung Kaum eine andere Tierartgruppe erfreut sich eines so hohen Bekanntheitsgrades wie die Säuge- tiere. In der Jagd, ehemals zum Nahrungserwerb von eminenter Wichtigkeit und heute eher als Brauchtumspflege von Bedeutung, spielen Säuge- tiere eine Hauptrolle. Eine Reihe von Arten wurde als Haustier domestiziert. Säugetiere sind aber nicht nur Sympathieträger, sondern rufen unter den Bezeichnungen „Raubzeug“, „Schädling“ oder „Ungeziefer“ durchaus auch Antipathien hervor. Trotz der vergleichsweise geringen Artenzahl ist die Rolle der Säugetiere in den Ökosystemen nicht zu unterschätzen: Zu ihnen zählen mehrere Spitzenkonsumenten am Ende der Nahrungs- ketten, während sich vor allem Kleinsäuger am unteren Ende der Nahrungsketten befinden und die Existenzgrundlage z. B. für eine Reihe von Greifvögeln bilden. Auch eine nicht zu vernach- lässigende Zahl von Wirbellosen ist direkt oder in- direkt auf die Existenz oder das Wirken von Säu- getieren angewiesen, z. B. coprophage Insek-ten. Als Schaderreger spielen Säuger in Land- und Forstwirtschaft sowie bei der Vorratshaltung eine Rolle. Andererseits hatten und haben Säugetiere einen erheblichen Einfluss auf die Landschafts- struktur. Der Biber zum Beispiel gestaltet in erheb- lichem Umfang Fließgewässersysteme und Auen mit. Pflanzenfressende Großsäuger, seien es Wildtiere oder domestizierte Formen, prägen Weidelandschaften oder auch Waldstrukturen. Säugetiere besiedeln nahezu alle Lebensräume. Ihre Raumansprüche können relativ eingeschränkt sein, die meisten Arten sind jedoch hochmobil und benötigen große Aktionsräume mit z. T. kom- plexer Habitatausstattung. Als Bioindikatoren sind einige Säugetiere daher in besonderem Maße zur Beurteilung großer Landschaftsräume geeignet – ihr Vorhandensein lässt auf intakte ökosystemare Strukturen schließen, Spitzenkonsumenten indi- zieren funktionierende ganze Nahrungsketten. Einige Arten reagieren sehr empfindlich auf spe- zielle Habitatfaktoren. Traditionell werden die Säugetiere in Groß- und Kleinsäuger eingeteilt und die Fledermäuse meist separat behandelt, was auch hier beibehalten werden soll. Erfassungsstand Man könnte erwarten, dass vor allem das Vorkom- men von größeren jagdlich interessanten Arten wie Reh, Rothirsch oder Wildschwein gut bekannt und auch bestens dokumentiert ist. Beim Versuch jedoch, entsprechendes Datenmaterial zusammen- zutragen, stößt man Saale-Unstrut-Triasland bald 370 an die Grenzen des Leistbaren. Zwar lässt sich in Gesprächen mit Jägern und Förstern revierkon- kret das Vorkommen von vielen Arten klären und auch den Unteren Jagdbehörden und dem Lan- desjagdverband liegen entsprechende Wildbe- standserfassungen vor, jedoch fehlen weitgehend punkt- und vor allem datumsgenaue Vorkom- mensangaben, die die Grundlage biologischer Auswertungen darstellen und für andere Arten- gruppen üblich sind. Prüft man die diesem Bei- trag zu Grunde liegenden Datenbank mit immer- hin etwa 880 Einträgen (Abb. 4.64), so liegen aus dem über 83.000 ha großen Bearbeitungsgebiet ausreichend genau dokumentierte Nachweise von nur acht Wildschweinen, einem Rothirsch und sechs Rehen vor. Während für andere Wirbeltiergruppen (Vögel, Amphibien, Reptilien, Fische) für das Land Sach- sen-Anhalt oder zumindest für wesentliche Lan- desteile bereits Verbreitungsatlanten vorliegen, ist bei den Säugetieren die Drucklegung einer Lan- desfauna frühestens in mehreren Jahren zu er- warten. Ursächlich verantwortlich ist der Mangel an dokumentierten Beobachtungen größerer Arten sowie die geringe Bearbeiterzahl bei den Klein- säugern. Auch im Betrachtungsgebiet besteht für viele Spezies ein noch vollkommen unzureichen- der Erfassungsstand. Die nachstehenden Aus- führungen haben auch zum Ziel zu verdeutlichen, wie wichtig für den Naturinteressierten und damit auch den Jäger es sein sollte, entsprechende Be- obachtungen zu notieren und den Jagd- oder Na- turschutzbehörden bzw. wissenschaftlichen Insti- tutionen zur Verfügung zu stellen. Eine zusammenfassende Aufarbeitung des Daten- standes zur Säugetierfauna des Saale-Unstrut- Triaslandes stand bislang aus. Die ältesten Anga- ben zu historischen Vorkommen von Säugetieren liefern die Arbeiten von BUTZECK et al. (1988a, b) sowie A RNDT (2002). Von hoher Wertigkeit sind auch das Taxationsnotizbuch der Oberförsterei Ziegelroda (ANONYMUS o. J.) aus dem Zeitraum 1866-1920 sowie das Abschätzungswerk 1853 aus demselben Haus (ANONYMUS 1853). Die Aus- wertung weiterer früher Quellen wie S AXESEN (1834), R IMROD (1856), BLASIUS (1857), G IEBEL (1866), SCHULZE (1890a, b), HEROLD (1916) und SCHMIEDEKNECHT (1927) erbrachte keine oder nur wenige ortskonkrete Hinweise. Zusammenfassende Darstellungen vor allem zu Kleinsäugervorkommen, aus denen Rückschlüsse auf das Saale-Unstrut-Gebiet möglich sind, lie- fern GÖRNER (1979), E RFURT et al. (1986) sowie ERFURT & STUBBE (1986). Der Nordteil des Saale- Unstrut-Triaslandes wird in der von JENTZSCH (1988) vorgelegten Säugetierfauna des Landkreises Sangerhausen erstmals umfassend bearbeitet. Abb. 4.64: Nachweise von Säuge- tieren (außer Fleder- mäusen) im Saale- Unstrut-Triasland Neben den vorgenannten Publikationen standen für die Erstellung des Artgruppenmanuskriptes folgende Datenquellen zur Verfügung: • Literatur und Arbeiten mit Hinweisen zu Artvor- kommen oder der Darstellung überregionaler Zusammenhänge u. a. von BALMER (2002), BOCK et al. (1994), DECKERT (1958), GÖRNER (1974), GÖRNER & HENKEL (1988), HUBERT (1968), AUTORENKOLLEKTIV (1988), JENTZSCH (1987, 1994), MANSFELD (1942), SIEFKE (1977) und WENDT (1983) • Ergebnisse der Befragung von Revierförstern, Jägern und ehrenamtlichen Naturschutzmit- arbeitern • Eingangsbücher des Zoologischen Institutes der Martin-Luther-Universität Halle-Witten- berg (1951 bis 2004) • Datenbank des Landesamtes für Umwelt- schutz zur Dokumentation der Arten nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie (vgl. LAU 2001, 2004) • Ergebnisse bislang unpublizierter Gewöllana- lysen von JENTZSCH, HOFMANN und LEHMANN. Der gegenwärtige Erfassungsstand differiert, be- zogen auf die einzelnen Teilgebiete oder Artengrup- pen sehr stark. Generell unterrepräsentiert sind insbesondere orts- oder flächenkonkrete Nach- weise der unter das Jagdgesetz fallenden Arten. Besonders defizitär ist der Datenstand bei allen Raubsäugern (Carnivora). Bei den landschafts- raumbedeutenden und naturschutzfachlich rele- vanten Arten wie dem in Sachsen-Anhalt stark gefährdeten Baummarder (Martes martes, Abb. 4.67) und vor allem der vom Aussterben bedroh- ten Wildkatze (Felis silvestris) erschwert dies sehr die Beurteilung der räumlichen Verteilung der Vorkommen und bei der letztgenannten Art auch die Einschätzung der Bedeutung des Gebietes für die Reproduktion. Hinsichtlich der Untersuchung von Kleinsäuger- vorkommen anhand von Gewöllanalysen können die im Saalekreis gelegenen waldfreien Flächen als ausreichend bearbeitet gelten. Unterreprä- sentiert ist bislang der Ziegelrodaer Forst mit sei- nen Ausläufern im Nordosten. Als defizitär stellt sich die Datenlage in dieser Hinsicht in dem zum Burgenlandkreis gehörenden Teil des Saale-Un- strut-Triaslandes dar. Abgesehen von der Arbeit von BALMER (2002) sowie einigen wenigen weite- ren unpublizierten Analysen kann dieser Raum aktuell als kaum bearbeitet gelten. Die beiden weltweit ausgestorbenen Taxa Auer- ochse (Bos primigenius) und Wildpferd (Equus caballus) finden bei der nachfolgenden Betrach- tung keine weitere Berücksichtigung. Für Wisent (Bison bonasus), Luchs (Lynx lynx) und Europäi- schen Nerz (Mustela lutreola) liegen keine über- lieferten Quellen mit ortskonkreten Hinweisen vor (vgl. HEIDECKE et al. 2004). Vollkommene Unklar- heit besteht über das Auftreten von Nutria (Myo- castor coypus), Schabrackenspitzmaus (Sorex coronatus) und Ährenmaus (Mus musculus mus - 371 Tab. 4.56: Säugetiere – landschaftsraumbedeutsame Arten (Gesamtartenliste im Anhang) 1 = überregional gefährdet, besiedelt typische Lebensräume im Landschaftsraum, gemessen am Gesamtbestand LSA bedeutende Vorkommen 2 = innerhalb LSA nur im Landschaftsraum vorkommend bzw. hier einen Verbreitungsschwerpunkt besitzend RL LSA - HEIDECKE et al. (2004), RL D – B OYE et al. (1998); FFH = Art nach Anhang II/IV/V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG) 1 2 RL LSA/ RL D Wissenschaftlicher NameDeutscher NameCervus elaphusRothirschFelis silvestrisWildkatzex1/2IVhöhlenreiche Laubmischwälder Martes martesBaummarderx2/VVgrößere zusammenhängende Laub- und Laubmischwälder Meles melesDachsMicrotus subterraneusKleinäugige WühlmausxMuscardinus avellanariusHaselmausxMustela putoriusWaldiltisSciurus vulgarisEichhörnchen x Laub- und Mischwälder grünlandreiche, gut strukturierte Landschaften oder lichte Wälder R/- x Lebensraum größere zusammenhängende Waldgebiete mit Freiflächen x 1/VIVunterholzreiche Laubwälder x2/VVreich strukturierte Landschaften mit Gewässern xV/- culus). Diese Arten werden mangels entspre- chender Nachweise daher auch nicht in die Gesamtartenliste für das Gebiet aufgenommen. Durch die Arbeit von JENTZSCH (2004b) und ge- zielte Erhebungen zur Bestandssituation der Arten nach Anhang IV der FFH-Richtlinie konnten meh- rere neue Vorkommen der Haselmaus (Muscar- dinus avellanarius) nachgewiesen und bislang un- publiziertes Datenmaterial zusammengetragen werden. Nur begrenzt gelang dies für den Sieben- schläfer (Glis glis), zu dem ein immer noch völlig unzureichender Datenstand besteht (LEHMANN 2004). In der Gesamtbetrachtung muss der Kenntnis- stand zur Säugetierfauna des Saale-Unstrut- Triaslandes als lückenhaft eingestuft werden. Auch das Gesamtartenspektrum kann noch nicht als vollständig bekannt gelten. Bedeutung des Saale-Unstrut-Trias- landes für die Säugetiere Aus dem Betrachtungsgebiet liegen bislang Nach- weise von 42 Säugetierarten (exkl. Fledermäuse) vor, für die ein aktuelles Vorkommen belegt oder wahrscheinlich ist. Dies entspricht etwa 76 % der rezenten Landesfauna dieser Artengruppe. Vier Arten müssen als ausgestorben eingestuft werden (Tab. 4.57). BUTZECK et al. (1988a) zeigen einen Nachweis des Braunbären (Ursus arctos) vor 1550 im räumlichen Zusammenhang mit dem Bearbeitungsgebiet. Weiterhin liegt ein Hinweis auf ein Vorkommen des Wolfes (Canis lupus) aus dem Zeitraum zwischen 1651 und 1700 vor (BUT- ZECK et al. 1988b). Ein aktueller Hinweis auf einen möglichen Wolf aus dem Ziegelrodaer Forst kann 372 FFH größere zusammenhängende Laub- und Laubmischwälder nicht als ausreichend dokumentiert eingestuft werden. ROSSBERG (1937) erwähnt, dass der Stei- graer Förster Anfang des 18. Jh. Schießgeld als Lohn für die Jagd u. a. auf Biber (Castor fiber) und Fischotter (Lutra lutra) erhalten hat. Beide Arten können im Umfeld von Steigra nur in der Unstrut vorgekommen sein. Aktuelle Vorkommen aus dem Betrachtungsgebiet sind nicht bekannt, wenngleich bei beiden Arten in den kommenden Jahren mit Rückbesiedelungsversuchen zu rechnen ist. Ein Hinweis auf ein mögliches derzeitiges Vorkommen des Bibers in der Saale zwischen Naumburg und Weißenfels (HOFMANN mdl.) bedarf der Bestäti- gung. Eine weitere Art, der Gartenschläfer (Eliomys quercinus), muss als verschollen eingestuft wer- den. M ANSFELD (1942) erwähnt, dass Landwirt- schaftrat KELLER aus Halle in oder bei Eckartsber- ga und Marienthal wiederholt neben Sieben- schläfern (Glis glis) auch Gartenschläfer in Nist- kästen angetroffen haben will. Für vier Arten bestehen auf Grund nur weniger, ungenauer oder zeitlich schon lange zurückliegen- der Nachweise ebenfalls deutliche Unsicherheiten hinsichtlich Verbreitung und Status. Die Garten- spitzmaus (Crocidura suaveolens) konnte bislang bei Naumburg und Freyburg (UNRUH & PIETSCH 2003) sowie im Jahr 2002 in Vitzenburg nachge- wiesen werden. Im Zusammenhang mit der aktu- ellen Arealerweiterung bei dieser Art lassen künf- tige Gewöllanalysen im Saale-Unstrut-Gebiet weitere, interessante Ergebnisse erwarten. Von der Hausratte (Rattus rattus) liegt eine ältere Be- obachtung aus Naumburg (E RFURT et al. 1986) sowie ein Nachweis vom 01. 06. 1999 von einem Dachboden aus Querfurt unmittelbar außerhalb
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Language: Deutsch
Issued: 2009-02-03
Modified: 2009-02-03
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